Wie wichtig ist die Sicht des Lehrers auf seine Schüler?

Der Rosenthal Effekt

Ich hatte in meiner Schulzeit viele tolle Lehrer, aber ein Englischlehrer ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben. Er sagte immer: „Hauptsache du redest, denn das bringt dich weiter! Du machst das schon super! Weiter so!“, und tatsächlich war Englisch immer eines meiner Lieblingsfächer. Auch meine Französischlehrerin war eine sehr offene Person, die jeden der mitgearbeitet hat, positiv bestärkt hat. Auch ihre persönlichen Geschichten sind bei mir noch im Gedächtnis verankert.

Wer kennt das? Ich denke die meisten. Manche leider jedoch auch im negativen Sinn. Wir lernen in einem Fach wo uns der Lehrer richtig „zur Sau“ gemacht hat meistens nicht mehr gerne.

Was sagt die Wissenschaft zu diesem Thema?

Die erste bekannte Studie wurde 1963 von Rosenthal und Fode durchgeführt. Dabei sollten zwölf Studenten auf jeweils fünf Ratten achten. Sie sollten an den darauffolgenden fünf Tagen Lernexperimente mit ihnen durchführen und zwar sollten die Ratten durch ein Labyrinth zu ihrer Futterstelle finden.

Eine Gruppe Studenten bekam die Vorinformation, dass ihre Tiere besonders intelligent seien. Die zweite Gruppe bekam die Information, dass ihre Ratten es wahrscheinlich eher nicht schaffen würden, weil sie aus einem dümmeren Genpol stammen.

Beide „Annahmen“ waren jedoch erfunden, denn die Tiere kamen aus dem gleichen Stamm und wurden per Zufall auf die beiden Gruppen aufgeteilt.

Ergebnis: Ab dem vierten Tag hatte die erste Gruppe deutlich bessere Lernerfolge.

Bei der Nachbefragung der Studenten ergab sich, dass die erste Gruppe eine viel liebevollere Einstellung zu ihren Tieren hatte und das äußerte sich durch vermehrtes Streicheln, Ermuterungen und mehr Hilfestellungen. Außerdem wurde bei Fehlern im Abschlusstest eher ein Auge zugedrückt.

Da non-verbale Kommunikation zwischen Menschen eigentlich noch besser wirken müsste, gab es ein Folgeexperiment in einer Grundschule im Jahr 1965 von Rosenthal und Jacobson. Den Lehrern wurde gesagt, dass die Leistungspotenziale der Kinder mit einem Test eingeschätzt werden, und dabei die Kinder festgestellt werden, die in diesem Jahr einen besonderen Fortschritt zu erwarten hätten. Dabei wurde jeder fünfte Schüler per Zufall als „hochbegabt“ eingestuft.

Bei den Kindern wurde ein IQ Test durchgeführt und dieser wurde nach acht Monaten wiederholt. Bei den vermeintlich „hochbegabten“ Schülern konnte eine deutliche Steierung um 20 oder mehr Punkte festgestellt werden. Da sich außer den Lehrerwartungen nichts geändert hatte, sah man somit einen großen Einfluss des Lehrers auf die tatsächliche Leistung des Schülers.

In den ersten und zweiten Klassen war die Leistungssteigerung deutlich erkennbar.

In den dritten und vierten Klassen war sie nicht mehr nachweisbar. Eventuell hatten die Lehrer dieser Kinder sich schon ein zu „festes“ Bild über deren Intelligenz und Leistungsfähigkeit gebildet. Die Impulse von Seiten der Lehrer hatten auf jeden Fall nicht mehr so große Wirkung.

Welcher Unterschied zeigt sich beim Verhalten gegenüber vermeintlich „begabten“, „durchschnittlich“ oder „unbegabten“ Kindern?

Eine Studie von Chaikin, Sigler und Derlega aus dem Jahr 1974 zeigt bei als „sehr gut“ und „gut“ eingestuften Kindern folgendes:

  • sie bekamen mehr Zeit zum Beanworten der Fragen (bis zu 17mal so viel!)
  • die Kinder wurden im Unterricht öfter aufgerufen
  • sie wurden seltener vom Lehrer unterbrochen
  • sie bekamen mehr Hilfestellungen beim Lösen der Aufgaben
  • sie wurden non-verbal ermuntert durch häufiges zulächeln und zunicken und längerem Blickkontakt

Durch diese vielfältigen Hilfen, wurde den Lehrern natürlich zurückgespiegelt, dass diese Kinder tatsächlich besonders talentiert sind.

Auch der „primacy -Effekt“ spielt eine große Rolle. Wenn wir von einem Menschen am Beginn des Kennenlernens ein gutes Bild haben, wird uns das immer wieder bestätigt. Ich sehe folglich an diesem Schüler immer nur „das Gute.“ Hier haben Schüler einen großen Einfluss. Bitte liebe Eltern, erzählt diese Erkenntnis unbedingt euren Kindern weiter, denn dann werden Sie mit ihren Lehrern einen besseren Start und ein besseres Jahr haben! Das bedeutet als Schüler konkret: besonders in der ersten Zeit sollten Sie sich von der Schokoladenseite zeigen, aufmerksam mitarbeiten und sich für das Fach interessieren.

Durch Folgestudien wollte der Rosenthal – Effekt nocheinmal nachgewiesen werden.

Die enormen Effekte wie in der ersten Studie ließen sich jedoch nicht mehr replizieren. Mögliche Gründe sind Mängel bei der Durchführung der Studie, ein nicht altersgemäßer Intelligenztest oder eine zu kleine Stichprobe. Wenn es zu wenige Teilnehmer sind, können nämlich wenige positve Ausreißer als „äußerst“ positiv interpretiert werden!

Wann tritt der Rosenthal Effekt denn nun ein?

Laut Heinz Heckhausen:

  • wenn sich Lehrer und Schüler noch nicht kennen und am Beginn über einen begrenzten Zeitraum
  • wenn der Schüler weniger leistet, als ihm seine Fähigkeiten erlauben
  • wenn die Lehrerin einen Schüler unterschätzt
  • wenn die Schülerin die Meinung des Lehrers übernimmt und selbst an sich glaubt

Welche Faktoren beeinflussen negative Erwartungen an Schüler?

Wenn ein Lehrer schon eine Vorinformation über die Intelligenz des Schülers erhält, hat das einen Einfluss. Auch das Geschlecht des Kindes hat einen Einfluss z.B durch die weit verbreitete Annahme, Mädchen seien in Mathematik schlechter als Jungs. Aus welchem sozialen Milieu das Kind stammt macht ebenfalls einen Unterschied: Wenn ein Kind aus einem Akademikerhaushalt kommt, wird es oft automatisch als begabt angesehen, während Kinder mit Migrationshintergrund oder aus ärmeren Elternhäusern oft weniger Begabung zugesprochen wird. Die unbewusste Einstellung des Lehrers, dass Anstrengungen bei diesen Schülern keinen Unterschied machen, beeinflusst sein Verhalten dem Schüler gegenüber. Bei schlechtem Verhalten des Schülers, wie zum Beispiel stören oder schlagen, kümmert sich die Lehrerin meist nicht so ausgeprägt um dieses Kind, da er es als hoffnungslosen Fall sieht, obwohl genau diese Schüler meistens Zuwendung und Ermunterung bräuchten.

Sogar der sogenannte „Halo-Effekt“ spielt eine Rolle. Er wird auch „Überstrahlungseffekt genannt. Wenn wir ein Kind besonders gepflegt oder gutaussehend finden, dann bekommt es mehr Unterstützung und liebevollere Blicke. Bei weniger gepflegten und weniger „schönen“ Schülern fehlt das Feedback oft oder es ist negativ.

Was kann ich als Lehrer nun tun?

Am besten gelingt es, wenn man versucht seinen Schülern möglichst vorurteilsfrei zu begegnen und ihnen immer erneute Chancen einräumt.

Welche Sprachmuster kann ich als Lehrer verwenden, um meine Schüler zu ermuntern? Was sollte ich vermeiden?

In Konfliktsituationen: Ich weiß du kannst das besser! Ich glaube an dich! Du bist doch so ein schlauer Junge/schlaues Mädchen! Du hast so viel Energie und das ist toll. Hast du schon einmal überlegt, in einen Sportverein zu gehen? Dann kannst du deine Beweglichkeit sinnvoll nutzen.

Als Aufmunterung in der Schule: Du bist schlau! Du kommst bestimmt auf die Lösung! Das hast du gut gemacht! Weiter so!

Was man auf keinen Fall sagen sollte und spätere Blockaden auslösen kann, sind folgende Sätze: Du wirst es später zu nichts bringen! Aus dir wird nichts! Für deine Faulheit solltest du dich schämen! Von dir erwarte ich sowieso nichts mehr!

Außerdem hilft tägliche Reflexion und zu überlegen wie man seinen Schülern nun tatächlich begegnet und wie fair das Ganze abläuft.

Ich fand diese Studien und Erkenntnisse extrem hilfreich und wichtig, um in meiner Klasse bewusst darauf zu achten, die Kinder möglichst „vorurteilsfrei“ zu behandeln, um jedem die beste Zukunft zu ermöglichen. Das schaffe ich nicht jeden Tag gleich gut, aber der Weg ist das Ziel und alles was einem bewusst ist, kann man verändern!

Bald kommt ein Beitrag zu Intelligenz und den Fragen: Ist sie angeboren? Kann ein Schüler denn auch intelligenter werden und wenn ja wie?

Ich freue mich auch wenn ihr Themenvorschläge direkt an mich oder in die Kommentare schreibt!

 

Quellenangaben für Interessierte:

Podcast: www.psychologie-lernen.de von Eskil Burck

Manfred Spitzer – Geist und Gehirn z.b zu finden auf: https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/geist-und-gehirn/videothek/index.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Rosenthal-Effekt#Das_Klassische_Experiment_von_Robert_Rosenthal_und_K._L._Fode

http://psycnet.apa.org/record/1974-33081-001

https://psychologieimalltag.com/2011/09/14/primacy-und-recency-effekt-2/

http://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1142475

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Wie wichtig ist die Sicht des Lehrers auf seine Schüler?“

  1. Liebe Iris!

    Ich glaube auch, dass positive Einstellungen den SchülerInnen gegenüber sich positiv auswirken. Und egal ob sie kurzfristig positive Schulerfolge bringen wie nach den Studien oder nicht, so glaube ich doch, dass vor allem auch der Langzeiteffekt nicht unterschätzt werden sollte und wie sich eine offene, wertschätzende Einstellung einem Kind gegenüber längerfristig auswirken kann.

    Oft muss man auch mit den Vorurteilen von Eltern einem Kind der Klasse gegenüber aufpassen. Auch ihre Einstellung einem Kind gegenüber beeinflusst oft ihr eigenes Kind, weniger oder mehr mit ihm zu interagieren bzw. positiver oder negativer auf das Kind zuzugehen, mit oft beträchtlichen Auswirkungen.

    Ich habe manchmal den Eindruck gewonnen, dass es solche Kinder, die „man abschreibt“, leider viel zu häufig aus unterschiedlichsten Gründen gibt.
    Ich denke eine wichtige Frage in dem Zusammenhang ist vielleicht auch, was einem an dem Kind, das man als störend/nicht leistungsfähig… etc findet so aufregt/egal ist/die Hoffnung verlieren lässt, wenn die Situation schon mal die falsche Richtung eingeschlagen hat.
    Vielleicht hat man selbst keine Idee, wie man dem Kind gut unter die Arme greifen kann, wenn zuhause die Unterstützung fehlt (egal als welchem Milieu das Kind kommt). Vielleicht hat man schon viel probiert, merkt aber, dass man einfach an seiner Grenze angelangt ist und die Unterstützung fehlt aber. Vielleicht fühlt man sich durch dieses Kind daran erinnert, wo man als LehrerIn nicht genug Erfahrung oder Wissen hat, um kompetent mit diesem Kind umzugehen.
    Manche Kinder brauchen auch wirklich etwas anders oder mehr, als man so generell bieten kann. Vielleicht fühlt man sich einfach als LehrerIn in Frage gestellt, weil man es nicht besser „hinbringt“.

    Ich glaube diese negative Sicht auf Kinder kommt oft zustande, wenn man selbst an seiner Grenze oder oft schon viel zulange darüber ist, wenn man sich von den Behörden, Regelungen und Gesetzen im Stich gelassen fühlt, wenn auch privat vielleicht mal eine anstrengendere Zeit ist.

    Gut für sich selbst zu sorgen und versuchen glücklich zu sein, wie du im letzten Betrag geschrieben hast, ist sicher ein wertvoller Betrag für dieses Ziel. Aber wie du schreibst, es ist ein Weg. Ich denke, dass trotzdem tagtäglich fast jeder sein Bestes gibt, auch wenn es vielleicht manchmal von außen nicht so aussieht.

    Aber wir Lehrer sind auch nur Menschen, und vielleicht trifft auf gute Lehrer das gleiche zu wie für die Kinder: Sie werden besser, wenn man sie lobt und an sie glaubt, wenn man ihnen offen und vorurteilsfrei begegnet und sie ermuntert und bestärkt. Wenn man ihnen Zeit gibt, um an einer Aufgabe zu wachsen und sie dabei gut begleitet. Wenn man keine Perfektion in den Mittelpunkt stellt oder noch mehr Anforderungen gibt, die für die Personen keinen Sinn ergeben. Wenn man ihnen zutraut ihre Arbeit gut zu machen und sie enstsprechend ihren Fähigkeiten und Interessen einsetzt. Wenn man ihre Arbeit schätzt und nicht noch mehr reguliert oder erwartet, sondern sieht, was schon geleistet wird. Und darum wünsche ich Eltern, LehrerInnen, SchülerInnnen, DirektorInnen und PolitikerInnen ein gutes Miteinander.

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