Ist Intelligenz angeboren oder erworben?

Diese Frage stellten sich Menschen immer wieder.
Überlege einmal kurz für dich wie deine Antwort darauf lautet.

 

 

Meine Antwort in nicht allzu ferner Vergangenheit hätte folgendermaßen gelautet:
Entweder es ist für jemanden „leicht“ etwas zu lernen, oder jemand hat es „schwerer“ und daher ist es vermutlich angeboren. So habe ich es zumindest immer in der Schule und meiner Umgebung wahrgenommen. Kinder denen lernen einfach von der Hand ging, wechselten auf das Gymnasium und die anderen Schüler mussten eben in die Hauptschule.

Wie wichtig es ist Neues zu lernen und sich gerade als Lehrerin mit dem Thema auseinander zu setzen, habe ich erst nach einem sehr interessanten Buch festgestellt.

Die Forschung und die lernbare Intelligenz

Es ist das Jahr 1967. Ein Student der seinen Abschluss in der Tasche hat, arbeitet an seiner Doktorarbeit in künstlicher Intelligenz und Mathematik und wird der Begründer des „Project Zero“.

Die Forschergruppe aus Harvard unter David Perkins untersuchte in einem 25 – jährigen Projekt das Lernen bei Kindern, Erwachsenen und in Organisationen.
In diesem Prozess stellte David Perkins ein kühnes, neues Konzept über die lernbare Intelligenz auf, das niemand vorher angedacht hatte.

Er glaubt an eine Intelligenz die auf drei Säulen beruht.
Der erste Teil ist angeboren und die beiden anderen Teile sind veränderbar und können lebenslang beeinflusst werden.

Dieses Bild gefällt mir als Lehrerin besser, da es mir zeigt, dass ich auch Einfluss habe auf den Prozess des Lernens und er nicht einfach unveränderbar ist.

Seine These lautet also: Wir können unsere Intelligenz lebenslang und nachhaltig verbessern.

Perkins 1: Neuronale Geschwindigkeit

Das ist die angeborene neuronale Geschwindigkeit. Menschen, bei denen sich neuronale Verbindungen langsamer aufbauen, fällt das Lernen am Beginn ihres („Schul“)Lebens meistens schwerer.

Perkins unterscheidet zwei Faktoren:

Erster Faktor:
Dieses Tempo der Neuronen ist angeboren und kann nicht verändert werden. Es ist vergleichbar mit der Reaktionszeit.
Beispiel: Wie schnell kann ich auf einen Knopf drücken, wenn die Lampe aufleuchtet.

Es geht dabei um die Geschwindigkeit mit der Neues verarbeitet werden kann.
Es handelt sich dabei um Inhalte von denen wir noch nichts gehört und gewusst haben und um Informationen oder Handlungen die wir plötzlich anders ausführen oder umlernen müssen.

Beispiel fürs Neue : Ich habe noch keine Ahnung vom Lesen und muss es neu erlernen.
Beispiel fürs Umlernen: Es gibt ein Programmupdate und einige Funktionen sind jetzt an einer anderen Stelle und müssen dort gefunden werden.
Zweiter Faktor:

Wir schließen immer von uns auf andere und glauben, dass wir alle gleich schnell lernen. Gerade deshalb haben wir als Lehrer, Eltern und Chefs eine große Verantwortung.

Was bedeutet das? Wer von dieser neuronalen Geschwindigkeit nichts weiß, glaubt sein eigenes Tempo sei das Maß aller Dinge und versteht andere Menschen (oder Schülerinnen) nicht die langsamer oder schneller reagieren.
Wir sollten also lernen das Tempo anderer zu respektieren und zu akzeptieren.

Perkins 2: Erfahrungen und Wissen

Hierbei geht es um Fertigkeiten die wir gelernt und Verhalten oder Wissen das wir uns angeeignet haben.

Beispiel für Fertigkeiten: kochen, Ball spielen, koordinative Fähigkeiten
Beispiel für Verhalten: Bei einem Bewerbungsgespräch ziehe ich mir schöne Kleidung an und versuche seriös und belesen zu wirken. Bei meinen Freunden werde ich mich natürlich anders verhalten.
Beispiel für Wissen: Ich habe mir das Einmaleins durch Wiederholung angeeignet.

Es gelten zwei Regeln:
Je mehr wir von einer Sache wissen und können, desto schneller denken, sprechen und reagieren wir, dh. desto intelligenter wirken wird.
Je mehr Fertigkeiten, Vorerfahrungen und Wissen wir schon haben, desto leichter können wir Neues hinzulernen.

Beispiel: Wer schon etwas über das Kochen weiß, wird auch kompliziertere Rezepte verstehen, im Gegensatz zum Anfänger.
Wer schon die Grundgedanken der Mathematik kennt, wird sich in der Physik leichter zurechtfinden und umgekehrt.

Unser altes und neues Wissen verkeilt sich sozusagen ineinander und wird in unserem Gehirn sinnvoll abgespeichert.

Vera F. Birkenbihl unterscheidet hier:

Pauken versus Lernen
Stures Pauken tritt auf, wenn man kurzfristig Daten und Fakten büffelt ohne sie zu verstehen. Dabei interessieren wir uns nicht dafür und es leuchtet uns nicht ein.

Lernen tritt auf, wenn ich mich interessiert mit neuen Inhalten befasse und diese begreife und durchdenken kann. Dann kann das Wissen auch eingehakt und abgespeichert werden.

Mir gefällt hier das Bild eines Ankers sehr gut. Ein Anker hält ein Schiff am Boden und es segelt nicht weg. Genauso hilft es uns, wenn wir eine Sache ganz durchdacht haben um sie in unserem Gehirn zu ankern.
Fazit: Je mehr wir wissen (Daten, Informationen, Erfahrungen, Fähigkeiten), desto besser können wir darauf zurückgreifen.

dav

Perkins 3: Unsere Wahl oder die Meta Intelligenz

Perkins nennt sie reflexive Intelligenz und das bedeutet, dass wir unser eigenes Denken hinterfragen können.

Welche Methoden, Strategien und Techniken kann ich verwenden um mir das Lernen konkret leichter zu machen?
Denn oft wenn wir die Methode ändern verändern wir das Ergebnis.

Im normalen Leben kennen das alle Menschen: Der Nachbar ist ein Grillkönig und bekommt die besten Steaks des Ortes gebraten und wenn es dich auch interessiert, wirst du hingehen und ihn fragen wie er das genau anstellt.

Auch in der Schule könnte man erstens die Lerntools von anderen Kindern und auch die „besten“ oder „effektivsten“ Strategien erfragen und viel mehr thematisieren, um für jedes Kind einen einfachen Lernweg zu finden.

Natürlich sollte man auch Schulkonzepte finden die erfolgreiche Ergebnisse vorweisen und überlegen, warum diese Versuche so gut funktionieren und man daher ausprobieren kann (soweit das in der Regelschule möglich ist).

Beispiel für erfolgreiches Lernen:
Schüler die ein Instrument spielen werden in allen Fächer besser, da regelmäßiges Üben eine positive Auswirkung auf die Lernfähigkeit hat (=Neurogenese).

Fazit für die Schule:

Lerne als Lehrer zu akzeptieren, dass nicht alle Kinder gleich „schnell“ denkend in die Schule kommen, sondern es am Beginn Unterschiede gibt und man diese einfach akzeptieren muss.

Baue das Wissensnetz deiner Schüler durch interessante Geschichten und vernetzte Zusammenhänge (siehe Beispiele unten) aus.

Lerne mit deinen Schülern und selber gute Lernstrategien kennen um für jedes Kind die beste Strategie zu finden, damit Lernen leicht wird.

Projekte in denen die Schüler viele Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernen dürfen:

Ein Theaterstück aufführen:
Hier müssen die Kinder ein Drehbuch schreiben, Rollen verteilen, Texte erlernen und sich auswendig merken, das Bühnenbild kreativ erschaffen, Einladungen verschicken und viele soziale Aspekte erlernen.

Einen Garten pflanzen:
Die Pflanzen müssen besorgt werden, anschließend muss man sich damit befassen wie sich gepflegt werden und wie viel Wasser sie benötigen. Man muss sich um den Garten kümmern und einen Plan machen, wer wann dafür zuständig ist.

Eine Klassenzeitung erstellen:
Hier können die Schülerinnen zum Beispiel Themen der Gemeinde aufgreifen und darüber schreiben und berichten.

Die Bürger der Stadt interviewen:
Hier lernen die Kinder die Sicht anderer Menschen kennen und befassen sich mit der Technik von Aufnahmen. Natürlich müssen die Texte dann auch niedergeschrieben werden und die Schüler trainieren ihre Rechtschreibfähigkeiten ganz nebenbei.

Eine Ausstellung der schönsten Klassenkunstwerke im Rathaus planen:
Gemeinsam müssen die schönsten Werke, die in dem Schuljahr gemacht wurden ausgesucht werden. Ich finde es sehr wichtig, dass Bild von jedem Kind auszustellen.

Bei einem meiner nächsten Beiträge wird es um die Strategien gehen, die bei den verschiedenen Lerntypen sinnvoll sind. Ein wirklich spannendes Thema zu dem ich gerade ein Seminar besuchen durfte ☺.

Über Themenvorschläge und Rückmeldungen würde ich mich wie immer sehr freuen.

Quellenangaben für Interessierte:

Vera F. Birkenbihl, Das innere Archiv: Steigern Sie ihre Intelligenz durch nachhaltiges Gehirnmanagement, 5. Auflage: 11. Januar 2013

David Perkins, Outsmarting IQ: The Emerging Science of Learnable Intelligence, Free Press Verlag, März 1995

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